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Frauen. Sprechen.

Charlotte Meister hat mit Frauen in und außerhalb des Bistums gesprochen. Der "Roadtrip" durch das Bistum hat sie nachdenklich gemacht.
Frauen. Sprechen.
Frauen. Sprechen.
© Cornelia Steinfeld

Traditionalisten vs. Reformer: Bei der Frage der Rolle der Frau in der Kirche und dem Frauenpriestertum stehen sich die Fronten unversöhnlich gegenüber. Eine Lösung hat NETZ dafür nicht. Sicher ist nur: Es gibt mehr als das polarisierte Schwarz und Weiß. Unsere Autorin, Charlotte Meister, hat sich auf den Weg gemacht zu Frauen in und außerhalb unseres Bistums. Um mit ihnen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Der „Roadtrip“ durch das Bistum hat sie vielfach nachdenklich gemacht!

Der Philosoph Philipp Hübl schreibt in seinem neuesten Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ darüber, wie Emotionen sowohl unsere Moral als auch den Trend der Polarisierung verstärken. Polarisierung führt zu Spaltung, zu Abgrenzung: die und wir. Auch in unserer Kirche spüre ich das, besonders wenn es um die Rolle der Frau geht. Die einen sind für die Öffnung des Weiheamtes, die anderen dagegen. Es scheint so, als gäbe es kein Dazwischen. Aber stimmt das? Ich entschließe mich, mit Frauen – aus unserem Bistum und darüber hinaus – zu sprechen. Über ihre Standpunkte für und wider, unerfüllte Wünsche, Gewissenskonflikte, ihr Nicht-nachvollziehen-Können und über das, was kirchenrechtlich möglich und was wünschenswert ist. 

 

Meine erste Station führt mich nach Idstein: Dorothea Breuer, 49 Jahre alt, ist dort stellvertretende Schulleiterin an einer Gesamtschule und unterrichtet u.a. Religion. Ein plastisches Bild für Frauen in der Kirche hat sich bei ihr eingebrannt. Ich kenne dieses Bild gut. Es ist Gründungs- gottesdienst der neuen Pfarrei. Lange haben sich Männer und Frauen der Gemeinde auf diesen Tag vorbereitet. Doch bei dem Gottesdienst zeigt sich für sie eindrücklich, welche Rolle die Institution Kirche für Frauen vorsieht: sie rücken  in die zweite Reihe. Sie sind nicht Teil der Gemeinschaft am Altar, der für Christus steht. Für Christus, der alle beruft, der sogar mit Verbrechern am Tisch sitzt. Auch in der Schule spürt sie diese Schieflage. Die Diskrepanz zwischen ihrem Engagement für gleichberechtigte Entwicklungschancen von Mädchen und Jungen frei von vorgefertigten Rollenbildern und dem, was sie als Religionslehrerin und Vertreterin der Kirche vermitteln soll, scheint ihr manchmal unaushaltbar groß. Dorothea hat bereits überlegt, ihre Missio zurückzugeben. Ich kann hören, wie sie diese Tatsache betrübt. Doch Initiativen wie Maria 2.0 und die Offenheit von Bischof Georg haben ihr neuen Mut gegeben. Dorothea Breuer unterrichtet weiter und setzt sich in ihrer Gemeinde für einen offenen Dialog zum diesem schwierigen Thema ein. Ich merke bei ihr: Ein offener Dialog ist wichtig. Wichtig, um Polarisierung vorzubeugen. Ich freue mich, dass sie ihren Weg als Religionslehrerin weitergehen kann, hätte es aber genauso verstehen können, wenn sie es nicht getan hätte.

Doch es gibt auch andere Geschichten. Marianne, die eigentlich anders heißt, konnte ihren beruflichen Weg im kirchlichen Dienst nicht mehr weitergehen. Sie war und ist noch immer sehr engagiert in ihrer Gemeinde. Doch im Laufe der Jahre wurde sie immer öfter von „ihrer“ Kirche enttäuscht. Für sie ist der Kern der Bibel die unbedingte Gleichheit aller Menschen. Mit diesem Verständnis und der Hoffnung auf Veränderung in der Kirche hat sie vor mehr als 25 Jahren ihren Dienst als Seelsorgerin begonnen. Jetzt hat sie keine Hoffnung mehr. Als ihr dies bewusst wurde, brauchte sie eine Veränderung. Ich spüre keinen Zorn in ihrer Stimme. Sie spricht fest, sachlich und ehrlich. Für sie ist dieser Kurswechsel nötig, um nicht zu verbittern oder kalt gegenüber der Kirche zu werden. Nicht länger wolle sie die strukturelle Diskriminierung im System Kirche unterstützen. Ich kenne das Gefühl. Auch ich fühlte mich schon schuldig und fragte mich: Bin ich eine Komplizin des Ganzen? Begünstige ich diese strukturelle Gewalt, weil ich Teil des Systems bin und nichts dagegen unternehme? Sie würde auch zurückkommen, aber unter anderen Bedingungen. Mariannes Entschluss mag radikal erscheinen, ich finde ihn konsequent.  
 

Nicht nur Frauen im Hauptamt hadern. Auch junge Menschen, die sich ehrenamtlich in unserer Kirche engagieren, beschäftigt das. Sarah, sie heißt eigentlich anders, ist Messdienerin und 16 Jahre alt. Ihr bedeutet ihr Glaube viel, sie ist gerne Messdienerin, betet oft, manchmal sogar den Rosenkranz. Die Frage nach der Rolle der Frau ist für sie entscheidend. Neulich haben sie in der Schule über das Frauenwahlrecht gesprochen und dass eine Frau jetzt Bundeskanzlerin ist. Für sie ist es schwer nachzuvollziehen, warum ein Geschlecht darüber bestimmt, ob man geweiht werden darf. Überhaupt laufe es mit den Männern ja derzeit nicht nur gut, meint sie. Wir schmunzeln, aber ich sehe in ihrem Gesicht, dass es sie als Frau verletzt. Ich erkenne, wie sie sich selbst weniger wertgeschätzt fühlt. Ich möchte ihr helfen, aber ich weiß nicht, wie. Was könnte ich sagen, das ihr das Gefühl der Geringschätzung nimmt? Ich fühle mich nach dem Treffen schlecht und beschließe mich auf mein nächstes Gespräch vorzubereiten. In diesem soll es mehr um Leitung und Führungspositionen gehen. Vielleicht finde ich hier Worte, um Sarah das negative Gefühl zu nehmen. 
 

Birgit Mock ist Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins. Für sie steht die Frage nach dem, was kirchenrechtlich möglich ist, im Vordergrund. Das Mentoring-Programm des Hildegardis-Vereins sei eine Antwort darauf. Es qualifiziert und ermutigt Frauen in allen Bistümern, Führung bzw. Leitung wahrzunehmen. Dies ist für sie ein entscheidender Schritt, aus dem „wünschenswert“ auch ein „möglich“ zu machen. Anstellungen wie die im Erzbistum München und Freising mit einer Amtsleiterin im Ordinariat und derartige strukturelle Neubesetzungen hätten eine kulturverändernde Wirkung, so Mock. Ich habe einmal gelesen, dass 30 Prozent als kritische Schwelle gilt, damit etwas Normalität ist. Wenn es also 30 Prozent Frauen in Leitungspositionen gäbe, so wäre es für dieses Unternehmen quasi „normal“, es wäre Standard. In den Bistümern bewege sich gerade viel. Ich spreche lange mit ihr und nehme diesen hoffnungsvollen Ausblick mit. Ich denke, ich erzähle Sarah davon. 
 

Es gibt bereits eine „ganze von Reihe von Frauen, die sich auf den Weg machen und sich in Führung in kath. Kirche engagieren und Verantwortung übernehmen.“ Einer der ersten Sätze, die wir austauschen. Es wird von Anfang an deutlich, nicht nur ich bin diesen Weg gegangen, sondern noch andere, die sollen nicht vergessen werden. Ich spüre direkt eine große Verbundenheit dieser Frau zu ihren Weggefährtinnen im Mentoring Programm aber auch zu Birgit Mock. Das rührt mich direkt und ich freue mich einen kleinen Einblick in dieses Netzwerk von Frauen zu bekommen. Für sie selbst ist das Thema Frauenpriestertum durchaus ein Punkt an dem sie bei Kirche hänge bleibe, aber es ginge ihr dabei eher um einen Blick auf die Strukturen von Macht. Dass hier noch zu wenige Laien (seien es Männer oder Frauen) Zugang zu gewissen Positionen verwehrt sei, empfinde sie als schwierig. Da sieht sie aber zum Beispiel Initiativen wie das Mentoring Programm als Möglichkeit, diese Machtstrukturen aufzubrechen. Für sie ist es bemerkenswert, was der Hildegardis-Verein mit diesem Programm zustande gebracht hat und was der Verein an sich leistet. Nicht nur die Vernetzung mit Frauen aus dem eigenen Bistum, sondern auch über die Bistumsgrenzen hinaus, haben ihren Blick geweitet und ihr neuen Ansporn für das eigene Arbeiten gegeben. Ich höre in ihrer Stimme direkt die Freude, wenn sie von dem Mentoring Programm erzählt. Aber auch, wenn sie von den aktuellen Entwicklungen in unserem Bistum spricht. Die Doppelspitze im Bistum (aber auch in anderen Bistümern), die Dezernentinnen bei uns im Bischöflichen Ordinariat O, all das ist für sie ein spürbares Zeichen der Veränderung. Es bewegt sich was. Ihr mache dies Mut, ihr stärke es den Rücken und motiviere sie zum weiteren Arbeiten. Als sie sich für das Mentoring Programm beworben hat, sei ihr persönliches Engagement, ihr persönliches Interesse, die treibende Kraft gewesen und sie habe es nicht bereut. Sie sehe die eigenen Potenziale aber auch die von Doppelspitzen, von geteilter Leitung, jetzt viel besser und nur, wenn man diese Potenziale auch erkennt, kann man sie nutzen. Die Vielfalt in der Besetzung von Stellen, hält sie für sehr wertvoll. Männern und Frauen seien vielleicht in manchen Dingen wirklich einfach grundverschieden, aber das kann man sich auch zu Eigen machen und daraus Vorteile ziehen. Es sind schließlich auch nicht alle Frauen bzw. Männer gleich. Für sie ist klar, es muss sich was in den Köpfen der Menschen ändern. Wenn wir die Welt auch in unseren Leitungspositionen so abbilden, wie sie nun mal ist, dann ist dies ein sichtbares Zeichen für die Menschen und dann fängt es auch an, dass sich automatisch Vorstellungen und Rollenklischees ändern. Sie werde aufgebrochen und neu zusammengesetzt. Nicht zuletzt sieht sie unseren Bischof als Hoffnung für diesen Wandel. Nun bin ich selbst ganz begeistert von dem Mentoring Programm und den Entwicklungen, die ich bisher vielleicht viel zu wenig zu schätzen wusste. Ich glaube, ich werde Sarah von den letzten beiden Gesprächen erzählen.

Doch was bestimmt den Kurs der Kirche in dieser Frage? Ich suche das Gespräch mit einer Frau, die mit Theologie und Lehramt bestens vertraut ist: Dorothea Sattler, seit 2000 Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik in Münster. 
Zu Beginn unseres Gespräches stellt sie klar: Die Frau hat die gleiche Würde wie der Mann, denn in Christus gibt es weder Mann noch Frau, weder Sklaven noch Freie, weder Juden noch Griechen – so stehe es bei Paulus (vgl. Gal 3,28). Auch alle lehramtlichen Dokumente würden dies unterstreichen. Warum ist das Priestertum dann aber nur Männern vorbehalten? Drei Argumente dominieren für Sattler die Diskussion. Erstens: Das Lehramt sieht darin eine biblisch begründete Weisung Gottes. Jesus habe bewusst mit zwölf Männer das Letzte Abendmahl gefeiert. Zweitens: Die kirchliche Tradition habe diese Weisung bewahrt und niemals anders gehandelt. Und drittens werde die Kirche metaphorisch als weibliche Braut Christi verstanden. Deshalb könnten auch nur Männer an Christi statt Sakramente spenden.  
Sattler findet das aber theologisch schwach: Bereits im Neuen Testament würden Maria von Magdala und Junia als Apostel bezeichnet. Sie weist auch darauf hin, dass sich die kirchliche Tradition bereits mehrmals verändert habe. Als Beispiele führt sie verheiratete Priester, Papstwahl, Sprache in Gottesdiensten und den Ablass an. Außerdem: Die Kirche als Braut Christi besteht aus Männern und Frauen. Warum sollte dann nicht auch ihr Gegenüber aus Männer und Frauen bestehen können? Sattler findet, dass das Thema bei Bischöfen und Gemeinden in der Diskussion bleiben müsse. Dass es bald ein Priestertum der Frauen gibt, glaubt sie nicht. 
Nach dem Gespräch denke ich über beide Seiten nach. Vor allem frage ich mich, an welcher Stelle Tradition geändert werden darf und wo nicht? Und wer entscheidet das?
 

Es gibt aber auch junge Frauen, die eine andere Sichtweise haben. Auf Facebook sind mir Posts meiner Kollegin Hanna Schäfer aufgefallen, aus denen ich eine Sympathie für die Bewegung Maria 1.0 erkenne. Wie steht sie zur Rolle der Frau? Warum denkt sie so? Ich fahre in den Hochtaunus. Wir reden viel darüber, was Frau-Sein heute bedeutet, welche Rollen Frauen einnehmen, über Klischees und Thomas von Aquin, der ihr Verständnis von Frau-Sein prägte. Für sie war schon immer klar, dass Frauen für die Verwirklichung des Heilsplans Gottes wichtig sind. Die Debatte um das Frauenpriestertum könne sie zwar verstehen, für sie persönlich stelle sich diese Frage nicht. Sie gehe auch am eigentlichen Problem vorbei. Denn Frauen bräuchten keine Ordination, um ihren Wert zu erkennen. Ich merke, dass sie um Neutralität bemüht ist. Sie habe schon öfter erlebt, dass es in Diskussionen schnell emotional werden kann. Sich da zu verorten, fällt schwer. Sie spürt verhärtete Fronten auch in der Gemeinde, hat sogar Angst, dass es zur Spaltung kommt. Für unser Bistum wünscht sie sich einen offenen Kurs, in dem alle Seiten gehört werden und an dessen Ende eine fundierte Meinung steht, die auf Basis eines Fachdiskurses und nicht durch Emotionen zustande gekommen ist. Für das Problem brauche es eine weltkirchliche Lösung. Ob es die aber geben werde, kann sie nicht sagen. Freundinnen aus Italien und Polen stellten sich diese Fragen nicht. Ist es nur ein deutsches Problem, frage ich mich? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Noch nachdenklicher macht mich: Auch Hanna möchte ihr Frau-Sein leben, wie sie es mag, ohne sich rechtfertigen zu müssen.   
 

An einem sonnigen Tag Ende August fahre ich zu Antonia Maria Papenfuhs, von allen nur Toni genannt. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und weiß im Gegensatz zu vielen anderen in ihrem Alter genau, was sie werden möchte: Toni möchte Priesterin werden. Als wir uns sehen, ist sie fröhlich und freundlich. Sie erzählt frei heraus, dass sie sich dazu berufen fühle Priesterin zu sein, dass sie diesen Ruf im Herzen hat und sich dafür einsetzen möchte. Sie erhalte viel Zuspruch von verschiedenen Seiten, erzählt mir aber von vielen beleidigenden Nachrichten. Ich lese einige und bin erschüttert. Wie kann jemand einem jungen Menschen, der sein Leben in den Dienst Gottes stellen möchte, so aggressiv begegnen? Bei all dem frage ich, wie sie das aushält, wie sie noch so fröhlich und den Menschen zugewandt bleiben kann. Für sie ist es einfach: Sie glaubt, dass ihr Gott diesen Wunsch nicht ohne Grund ins Herz gelegt hat. Sie möchte ihrer Generation zeigen, dass sie nicht alles hinnehmen muss, sondern dass sie auch Teil der Kirche ist. In der derzeitigen Diskussion um Frauen in der Kirche will sich Toni nicht verorten. Sie ist weder Maria 2.0 noch 1.0. Sie ist Toni und bereit, mit jedem über ihre Herzensangelegenheit zu sprechen. Ich wünsche ihr für ihren Weg nur das Beste.

Noch Tage später denke ich an den Hildegardis-Verein und Birgit Mock. Besonders blieb mir die Frage nach den kulturverändernden Faktoren im Kopf. Ich habe einmal gelesen, dass 30 Prozent von XY, die Schwelle hin zur Normalität sind. Wenn es also 30 Prozent Frauen in Leitungspositionen gäbe, so wäre es für dieses Unternehmen quasi „normal“, es wäre Standard. Das bringt mich mit einer weiteren spannenden Frau ins Gespräch, die bereits eine solche Leitungsposition in einer katholischen Einrichtung innehat. Für Gaby Hagmans, 52, Caritasdirektorin in Frankfurt hat sich die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche, wie sie selbst sagt, eigentlich nie so direkt gestellt. Sie ist seit ihrem 18. Lebensjahr in einer Leitungsfunktion (auf verbandlicher Ebene), damals noch beim BDKJ, bei dem bereits seit dessen Gründung das Prinzip der Parität (d.h. im Vorstand müssen beide Geschlechter vertreten sein) gilt. Dieses Prinzip der geteilten Leitung war und ist selbstverständlich, da der BDKJ ein Bund ist, der aus einem Frauen- und Männerverband heraus entstand. Schon immer war Gaby Hagmans also in Wahlämtern, die dem Grundsatz der Doppelspitzen beherzigen. Die kath. Organisationen, wie der BDKJ oder der Caritasverband haben andere Strukturen, als die Institution Kirche selbst, so Hagmans. Die verfasste Kirche war in ihrer Biographie erstmal eher zweitrangig. Das heißt jedoch nicht, dass sie sich nicht darüber bewusst ist, dass ihr Weg eben doch kein „normaler“ Weg sei und ihre Biographie lange nicht allen Frauen, bei gleicher Qualifizierung, offen stehe. So zeichne sich gesellschaftlich immer noch ab, dass junge Frauen und Mädchen an vielen Stellen benachteiligt sind. Sie berichtet mir, von ihrem eigenen sozialpolitischen Interesse; schon immer war für sie der Blick auf die Gesamtgesellschaft entscheidend. Gewalt an Frauen, Prostitution, Schwangerschaftsberatung, usw. Von einer wirklichen Gleichberechtigung könne noch keine Rede sein. Die Gesellschaft mache es den Frauen strukturell oft schlichtweg nicht möglich. So ist die Biopolarität der Geschlechter, also die starke Zuordnung der Geschlechter, nach wie vor das, was es aufzubrechen gilt. Egal ob ich Mann oder Frau bin, ich muss doch meine Arbeit gut machen, denken wir vielleicht. Doch es gibt sehr subtile Mechanismen, die zeigen, dass doch noch mit zweierlei Maß gemessen wird. Man würde eine gewisse Sensibilität für diese subtile Mechanismen entwickeln (als kleines Beispiel nannte sie mir das erkannte Muster bei Geschenken: für sie der Blumenstrauß, für ihren Kollegen den Wein). Sie wollte dies schon immer mit politischem Handeln kontern, es ansprechen, aufdecken und andere selbst dafür sensibilisieren. Auch spiegelt man Frau Hagmans beispielsweise, es mache einen großen Unterschied, dass sie als Frau jetzt Direktorin sei. Man merke es sofort. Doch sie fragt sich, ob nicht vielmehr nur der generelle Unterschied als Menschen die früheren Leitungen von ihr unterscheidet? Ist das Geschlecht wirklich der bestimmende Faktor? Wichtig für sie in Sachen Führung/Leitung sind Fragen nach Personalpflege, nach Entscheidungskompetenz, eben feste Indikatoren für eine gute Leitung. Es sind doch eher Fragen der Persönlichkeit, der Qualifikation, und ich gehe mal so weit zu behaupten nach der Berufung, wer (gut) leiten kann. Auch Hagmans bringt das Stichwort der Ebenbildlichkeit Gottes ins Spiel. Kirche nehme Maria bzw. die Frau an sich theologisch nur als Mutter Gottes wahr. Hier sieht sie Bedarf nach einer Reflexion (Frau und Mann tragen Ebenbildlichkeit Gottes). Doch dieses Bild, dieses Selbstverständnis von Adam und Eva, es sei tief verankert in der Gesamtgesellschaft, wie man an der Notwendigkeit einer Frauenquote sehe. Der Wert „Gerechtigkeit“ müsse demnach neu ausgehandelt werden. Vor etwa 50 Jahren durften Frauen nur dann Arbeiten, wenn der Mann es ihnen per Unterschrift „erlaubte“ und auch dies wurde damals als gerecht empfunden. Kirche selbst müsse nach dem streben, was in sich eine universale Wahrheit von Gerechtigkeit trägt, basierend auf der Prämisse der gleichen Würde aller. Sie findet es schade, dass die Kirche es gerade nicht schaffe, dies zu vermitteln. Universale Werte, die unser christliches Menschenbild und Zusammenleben prägen, gelten durch die Jahren hindurch. Die Frage nach dem Frauenpriestertum ist an dieser Stelle nicht unbedingt das Entscheidende für sie. In einer Zeit in der die Wiederentdeckung des Privaten und die Sehnsucht nach Stabilität immer größer wird, da die Welt an sich immer wird weiter und offener wird, kann Kirche ein Hort von unveränderbaren Werten sein und diese Stabilität bieten. Man müsse sich daher immer wieder vor Augen führen, dass auch die biblischen Texte ein Spiegel der damaligen Gesellschaft sind. Wie können wir diese alten Texte heute neu für uns lesen? Als Kirche hätten wir aber ebenso die Pflicht nicht jedem Zeitgeist hinterherzujagen (der ja auch ein Rechtsdruck sein kann), sondern uns auf unsere ursprünglichen Werte zu besinnen und kritische Kulturreflexion zu betreiben. 
Kirche und Gesellschaft müsse aushalten können, dass es eine Diversität auch innerhalb der Geschlechter gibt. Eine Frau, die arbeiten geht und der Mann in Elternzeit, ist genauso wertzuschätzen, wie eine Frau, die nach Geburt Haus und Herd hütet. Dem kann ich bedingungslos zustimmen. Beides hat seine Berechtigung. Doch die inneren Bilder unserer Gesellschaft von Frau und Mann, die oben bereits angesprochen wurden, prägen uns mehr als wir denken, so Gaby Hagmans. Das ist nicht nur ein kirchliches Problem. Frauen haben in zu vielen Ländern immer noch keinen Zugang zu Bildung und ohne Bildung bleibt der Weg in die finanzielle Unabhängigkeit auch versperrt. „Kinderbraut oder Kinderärztin, Schulbildung macht den Unterschied“, dieser Slogan kommt mir in den Sinn. Ich sehe ihn gerade eigentlich jedes Mal, wenn ich zur Haustür reinkomme. Die Waffe der Frau, eine Initiative von Frauen in Deutschland, für Mädchen weltweit, lag neulich in meinem Briefkasten. Es werden Paten gesucht. Ich verstehe den Fokus von Frau Hagmans und ich bewundere ihren Weitblick. Ich habe wieder viele neue Gedanken zu dem Thema Frauen in der Kirche gewonnen, auch manche neuen Fragen, aber vor allem habe ich jetzt ein neues Patenkind…

Eine Haltung in den Mittelpunkt stellen

Noch Tage später denke ich an Toni und Sarah, an Birgit Mock und die anderen tollen Frauen. Ich habe Ohnmacht gespürt, das Ringen um Worte, wenn ich jungen Frauen Rede und Antwort stehen muss. Ich habe Verletzungen gesehen, aufgrund des Geschlechts weniger wert zu sein. Ich habe auch Hoffnung auf Veränderung und die Entschlossenheit gespürt und diesen Geist des Wandels erlebt. Was ich nicht erlebt habe: Polarisierung. Ich frage mich, wo ich selbst stehe. Auch ich wurde schon gefragt, ob ich gerne Priesterin geworden wäre oder ob es mich stören würde, nicht die Möglichkeit dazu zu haben. Ich finde, dass gerade dort, wo ich eingesetzt bin, der Platz ist, an den ich gehöre. Das ist ein Gefühl von „Gerufen-zu- sein“. Jesus selbst hat die unterschiedlichsten Menschen berufen und deren Weg anders bewertet, als es die Menschen um ihn herum taten. Jesus hat nicht ihren Stand, ihr Ansehen oder ihr Geschlecht angeschaut, sondern das Herz dieser Menschen. Ich bin überzeugt: Auch heute noch werden Menschen gerufen. Wer sind wir als Kirche, dass wir meinen diesen Ruf Gottes besser deuten zu können als ein Herz, das davon berührt wurde? Ich glaube mittlerweile, dass die Frage nach der Weihe eine Frage der Berufung und nicht des Geschlechts sein sollte. Wie es bei uns in der Kirche weitergehen wird, vermag ich mir nicht vorzustellen, aber ich wünsche mir, dass bei allen Entscheidungen und Diskussionen diese Haltung Jesu im Mittelpunkt steht. Schauen wir auf die Herzen der Menschen, sehen wir tiefer, als nur das Äußerliche preiszugeben vermag und hören wir einander an, mit dem ehrlichen Bemühen, versöhnter auseinanderzugehen als wir ankamen.


Charlotte Meister ist Gemeindereferentin in der Pfarrei St. Elisabeth an Lahn und Eder. Für NETZ hat sie immer wieder aktuelle Themen ins Spiel gebracht.
 

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